Besser leben im Regenwald

22. Mär 2017

Weniger Gefäßerkrankungen bei den Tsimané

Der Regenwald Boliviens ist der Lebensraum der Tsimané. Dieses Volk pflegt den Lebensstil der Sammler und Jäger. Forscher haben jetzt per Koronar-CT die Herzen untersucht und sind verblüfft: Gefäßerkrankungen gibt es selbst bei 80-jährigen kaum.

Die Veränderung unseres Lebensstils in den letzten Jahrzehnten ist radikal: Inaktivität, hochenergetische, zunehmend hochtechnisierte Lebensmittel, hochverarbeitete Kohlenhydrate, Maissirup, Fruchtzucker. Nichts für unsere genetische Grundausstattung, die noch weitestgehend aus der Steinzeit kommt. Prof. Kaplan und Kollegen haben im Rahmen der THLHP-Studie (Tsimane Health and Life History Project) nun die Ergebnisse von umfangreichen, kardiologischen Untersuchungen an 705 Tsimané im Alter zwischen 40 und 94 Jahren präsentiert (1). Bestandteil war unter anderem ein so genanntes Koronar-CT. Mit dieser Computertomografie wird der Kalkgehalt der Herzkranzgefäße gemessen und der Befund in Form eines Kalk-Scores (CAC-Score) angegeben. Je höher der CAC-Score, desto verkalkter das Gefäß. Werte über 100 sprechen für eine starke Verkalkung. Diesen Befund hatten gerade 20 Tsimané (drei Prozent). 85 Prozent hatten überhaupt keinen Kalk in den Gefäßen, selbst wenn sie alt waren. So haben 80-jährige Tsimané das Gefäßalter von 50-jährigen Amerikanern. Denn in der vergleichbaren US-amerikanische MESA-Studie (Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis) hatte jeder zweite Teilnehmer ausgeprägte Verkalkungen der Herzkranzgefäße (2).

Was machen die Tsimané nun anders? Eine Auswahl: die Männer jagen sechs bis sieben Stunden am Tag, Frauen bewegen sich vier bis sechs Stunden am Tag. Nur 10 Prozent der Tageszeit wird inaktiv verbracht. Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhte Cholesterin- oder Blutzuckerwerte haben zwischen drei und maximal sechs Prozent der Bevölkerung und Diabetes gibt es schlicht nicht. Zum Vergleich: von einer kombinierten Stoffwechselstörung im Sinne eines Prädiabetes sind in Deutschland allein über 20 Prozent betroffen. Die Ernährung der Tsimané ist überraschend kohlenhydratreich: über 72 % der Kalorien kommen aus Kohlenhydraten, nur jeweils 14 % aus Fett und Eiweiß. Letzteres überwiegend über Fisch. Fleisch wird kaum konsumiert. Kohlenhydratquellen sind Kochbananen, Mais, Maniok und Reis. Alles jedoch frisch und unverarbeitet. Weißmehl oder raffinierten Zucker gibt es nicht.

Kernbotschaft der Studie: Arteriosklerose ist vermeidbar, auch im hohen Alter. Das die Lebenserwartung mit 70 Jahren deutlich unter der in Deutschland liegt hat Gründe, die unsere Gesellschaft längst hinter sich gelassen hat: ein niedriger Hygienestandard und Infektionen.

(1)    Coronary atherosclerosis in indigenous South American Tsimane: a cross-sectional cohort study. Prof Hillard Kaplan et al. DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30752-3

(2)    https://www.mesa-nhlbi.org/

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