Narzissmus – es geht sich alles um das Ich

06. Feb 2026

Narzissmus – es geht sich alles um das Ich

06. Feb 2026

Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstinszenierung: Wie narzisstische Muster Zusammenarbeit, Führung und Teamdynamik prägen

Narzissmus – es geht sich alles um das Ich

Warum dieses Persönlichkeitsmuster in Unternehmen so spürbar ist – und wie Teams konstruktiv damit umgehen können

PreventON

„Ich habe das Projekt gerettet.“ – „Ohne mich wäre das nie passiert.“ – „Ich glaube, wir brauchen hier eine andere Führung.“
Solche Aussagen kennen wir aus Meetings, E-Mails oder Flurfunk. Sie stammen nicht immer aus Arroganz. Sie sind oft Ausdruck eines tieferen Verhaltensmusters, das die Psychologie als Narzissmus bezeichnet.

Was bedeutet Narzissmus?

Narzissmus ist ein Persönlichkeitstypus, der durch ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, ein hohes Selbstwertgefühl und eine geringe Bereitschaft zur Perspektivübernahme gekennzeichnet ist. In der Fachwelt unterscheidet man zwischen gesundem Selbstwert (der uns antreibt und motiviert) und pathologischem Narzissmus (der dauerhaft andere herabsetzt oder ausnutzt). Wissenschaftlich wird Narzissmus oft mit dem „Narcissistic Personality Inventory“ (NPI) gemessen, einem etablierten Instrument zur Erfassung narzisstischer Merkmale. Studien zeigen, dass narzisstische Tendenzen in Leistungsgesellschaften häufiger auftreten, weil Selbstvermarktung und öffentliche Sichtbarkeit belohnt werden.

Studie: Eine Metaanalyse von Grijalva et al. (2015) zeigt, dass narzisstische Merkmale im Arbeitskontext mit höherem Auftreten von Konflikten und geringerer Teamzufriedenheit einhergehen. Gleichzeitig kann ein gewisses Maß an Narzissmus bei Führungskräften kurzfristig als Stärke wahrgenommen werden: hoher Antrieb, Selbstvertrauen, Durchsetzungsstärke.

Wie zeigt sich Narzissmus im Arbeitsalltag?

Viele erkennen narzisstische Verhaltensweisen an folgenden Mustern:

  • Dominanz in Meetings – häufiges Unterbrechen, Einnehmen der Bühne, monologische Beiträge
  • Übernahme von Teamleistungen – „Kredit“ wird für sich beansprucht, Fehler werden extern zugeordnet
  • Empfindlichkeit bei Kritik – sachliche Rückmeldung wird als persönliche Bedrohung erlebt
  • Geringe Empathie – wenig Interesse an der Sichtweise anderer, solange eigene Ziele nicht berührt werden

Solche Verhaltensmuster wirken auf den ersten Blick selbstbewusst und kompetent – aber langfristig belasten sie Teamklima, Vertrauen und Zusammenarbeit.

Studie: Campbell et al. (2011) fanden heraus, dass narzisstische Führungspersonen anfangs wie starke Leader wirken, jedoch auf lange Sicht die Mitarbeitermotivation und das Gruppengefühl senken.

Warum ist Narzissmus heute so sichtbar?

Unsere Arbeitswelt bietet viele Anreize für narzisstisches Verhalten:

  • Leistungskennzahlen, Rankings, Zielvereinbarungen
  • Sichtbarkeit über interne Plattformen oder Social Media
  • Betonung individueller Erfolge über Teamleistungen

In solchen Umgebungen werden Selbstpräsentation und Durchsetzungsfähigkeit oft belohnt – auch wenn sie manchmal auf Kosten von Kooperation gehen.

Wie gehe ich im Arbeitsalltag konstruktiv damit um?

Es geht nicht darum, Menschen zu „diagnostizieren“, sondern ihre Verhaltensmuster zu verstehen und professionell einzuordnen. Wissenschaftliche Forschung betont, dass der Umgang entscheidend ist – nicht das Etikett.

1. Perspektive wechseln – ohne Drama
Narzisstische Personen erleben sich oft unter Druck, sich zu beweisen. Das zu wissen macht es leichter, nicht jedes Verhalten emotional zu werten.

2. Sachlich bleiben – klare Sprache nutzen
Emotionale Auseinandersetzungen verstärken Konflikte. Statt emotionaler Reaktionen helfen konkrete Aussagen:

  • „Das Erfolgsergebnis war ein Teambeitrag.“
  • „Lass uns die Aufgabenverantwortung noch einmal festhalten.“

3. Grenzen setzen – mit Respekt
Wer Grenzen offen kommuniziert, stärkt die eigene Professionalität:

  • „Ich lasse dich ausreden, bitte auch mich.“
  • „Bitte gib mir Feedback ohne persönliches „Du…“-Angriffsmuster.“

4. Anerkennung sinnvoll einsetzen
Lob wirkt nicht gegen Narzissmus – aber konkretes, sachliches Lob:

  • Statt „Du bist super!“ besser: „Dein Vorschlag hat die Kundenzufriedenheit verbessert.“

5. Organisationsstrukturen reflektieren
Teams funktionieren besser, wenn Erfolge sichtbar gemacht werden, Zuständigkeiten klar sind und regelmäßiges, strukturiertes Feedback eingeführt wird – beispielsweise durch 360°-Feedbackprozesse, in denen mehrere Perspektiven eingeholt werden.

Forschungshinweis: Studien zur Feedbackkultur zeigen, dass Teams mit klaren Rückmeldungsstrukturen besser mit narzisstischen Tendenzen umgehen und gleichzeitig die Zusammenarbeit verbessern.

Ein realistisches Fazit

Narzissmus wird in Organisationen nicht verschwinden – und das ist nicht unbedingt schlecht. Menschen mit narzisstischen Zügen bringen oft Energie, Sichtbarkeit und Initiative. Problematisch wird es, wenn diese Energie auf Kosten des Teams geht.

Die Herausforderung für Unternehmen:

Ein Umfeld schaffen, in dem „Ich“ und „Wir“ nicht im Widerspruch stehen.
Gesunde Selbstsicherheit ist ein Gewinn für Leistung – echte Kooperation ist ein Gewinn für das Team.

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