19. Apr 2021

Persönlichkeitstypen und Homeoffice – „Ohne Grenzen produktiv“ oder „Mit klaren Grenzen zum Erfolg“?

19. Apr 2021

Seit ziemlich genau einem Jahr ist das Arbeiten von zuhause zur neuen Realität geworden. Früher war das Home Office eine Option, allerdings nicht für jeden. „Willige Mitarbeiter/-innen“ mussten damals ihre Vorgesetzten erst mühsam davon überzeugen, dass sie ihre Arbeit auch gut von zu Hause erledigen konnten. Das änderte sich mit der Verbreitung des Coronavirus. Für viele verlief der Übergang ins Homeoffice bemerkenswert reibungslos, unterstützt durch schnelles Internet, Smartphones und Video- sowie Audiokonferenzen.

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Doch diese Technologien haben auch die Grenzen zwischen Arbeits- und Familienrollen verschwimmen lassen. In vielen Fällen müssen Mitarbeiter E-Mails bearbeiten und Videokonferenzen abhalten, während neben ihnen Familienmitglieder sitzen, die ebenfalls zu Hause arbeiten oder lernen. Hinzu kommt, dass viele Menschen von einem Tag auf den anderen ins Home Office wechseln mussten. Es gab keinen durchdachten Plan, keine angemessene Vorbereitung und keine Wahlmöglichkeit. All dies hat es erschwert, sich mental von der Arbeit zu lösen und sich zu erholen. Mitarbeiter müssen sich deshalb intensiver damit beschäftigen, wo sie die Grenzen zwischen Arbeit und Familie ziehen.

Zwei verschiedene Typen: Integrierer und Segmentierer

Wagen wir ein kleines Gedankenexperiment: Kam - als Sie noch durchgängig im Büro arbeiteten - gelegentlich Ihre Familie vorbei, um Sie zu besuchen? Haben Sie regelmäßig Arbeit mit nach Hause genommen? Oder haben Sie Ihr Privatleben kategorisch von der Arbeit getrennt – berufliche Telefonate führten Sie im Büro, private Gespräche zu Hause? Diese Präferenzen - Integration und Segmentierung - zeigen, wo wir unsere Grenzen ziehen.

Integrierer neigen dazu, die Grenzen zwischen Arbeit und Familie zu verwischen; Segmentierer wollen klare Grenzen beibehalten. Vielleicht ahnen Sie schon, zu welcher Gruppe Sie gehören. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es nicht nur Reinformen beider Typen gibt, sondern dass ein kraftvolles „sowohl – als auch“ häufig vorkommt. Grundsätzlich gibt es zwei Dimensionen, in denen sich beide Typen bewegen müssen: Zeit und Raum.

Dimension Zeit
Segmentierer konzentrieren sich während der Arbeitszeit auf die Arbeit und während der Familienzeit auf die Familie. Ein starker Segmentierer ist bestrebt, berufliche Telefonate auf der Arbeit zu führen, auch wenn dies bedeutet, etwas länger im Büro zu bleiben. An einer Elternsprechstunde würde er nur teilnehmen, wenn sie während der Mittagspause stattfände. Forschungsergebnissen zufolge sind Segmentierer zufriedener und engagierter, wenn sie in Gleitzeit arbeiten. Dann können sie ihre Zeiten so planen, dass sie Beruf und Familie klar voneinander abgrenzen können.

Im Gegensatz dazu haben Integrierer in der Regel kein Problem damit, Arbeitsaufgaben während der "Familienzeit" und Familienaufgaben während der "Arbeitszeit" zu erledigen. Sie arbeiten oft auch außerhalb der Bürozeiten, erledigen dafür aber während der Arbeitszeit auch persönliche Angelegenheiten. Ein starker Integrierer nimmt berufliche Anrufe nach Feierabend entgegen, lässt es sich dafür aber nicht nehmen, bei einer Elternsprechstunde um 10 Uhr morgens zu erscheinen – also während seiner eigentlichen Arbeitszeit.

Dimension Raum
Integrierer haben weniger Probleme damit, wenn die räumlichen Grenzen verschwimmen. Sie können besser von zu Hause arbeiten; im Büro wiederum stellen sie gern Bilder ihrer Familienmitglieder auf. Forschungsergebnisse zeigen, dass Integrierer zufriedener sind und sich mehr für ihren Arbeitgeber einsetzen, wenn dieser ihnen hilft, die räumliche Trennung zu überbrücken, zum Beispiel mit einer Betriebskita.

Segmentierer halten diese Räume gern getrennt. Manchmal teilen sie Arbeit und Zuhause, indem sie sich für jeden Bereich unterschiedliche Kalender und sogar Schlüsselanhänger zulegen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich freiwillig ein Home Office einrichten. Wenn ihnen keine andere Wahl bleibt, benötigen sie wahrscheinlich eine physische Barriere zwischen Arbeit und Privatem, also ein eigenes Arbeitszimmer mit einer Tür, die sie schließen können. Diese zeitlichen und räumlichen Unterschiede bedeuten auch:

Integrierer lassen sich eher ablenken und unterbrechen, da sie dazu neigen, Arbeit und Familienaktivitäten zusammenfallen zu lassen. Segmentierer können sich oft besser auf eine wichtige Aufgabe konzentrieren, weil sie eine schärfere Grenze zwischen Arbeit und Zuhause ziehen. Dennoch haben es Integrierer leichter, zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln – das galt schon vor der Corona-Krise.

Die Typen in der Corona-Zeit

Derzeit ist es fast unmöglich, den starken Wunsch von Segmentierern, Büro- und Familienleben getrennt zu halten, zu erfüllen Auch für Integrierer kann das plötzliche und völlige Verschwimmen der Grenzen schwierig sein: Sie haben vielleicht erstmals überhaupt das Bedürfnis, Arbeit und Zuhause zu trennen, weil sich beides nun zu stark vermischt – und das ist womöglich eine komplett neue Herausforderung für sie. Beide Gruppen müssen lernen, Raum und Zeit anders zu nutzen.

Dimension Zeit
Es ist wichtig, bei der Zeiteinteilung Grenzen festzulegen, unabhängig davon, ob jemand ein Integrierer oder ein Segmentierer ist. Segmentierern, die sich nach klaren Grenzen sehnen, fällt dies tendenziell leichter. Integrierer müssen sich möglicherweise mehr anstrengen und neue Zeitpläne und Arbeitsabläufe für sich entwickeln.Für Segmentierer ist es besonders wichtig, geplante Arbeitszeiten einzuhalten. Das gibt ihnen das Gefühl, die Kontrolle über ihr Arbeitsleben zu behalten, besonders wenn die ganze Umgebung im Home Office sie an die Familie erinnert. Sie müssen allerdings einsehen, dass sich vorgegebene Zeitpläne auch einmal ändern können, wenn sie gleichzeitig Familienmitglieder betreuen müssen.

Der Rat hier lautet: Handeln Sie Ihre Arbeitszeiten mit Ihrer Familie und Ihren Kollegen aus – und halten Sie sich dann so gut es geht an das Ergebnis. Das wird Ihnen die Arbeit erleichtern und Sie werden sich besser damit fühlen, dass Sie von zu Hause arbeiten müssen. Eine zweite Technik, die Segmentierern helfen kann: Ziehen Sie sich Arbeitskleidung an, was immer das für Sie bedeutet. Das muss kein Anzug sein – vielleicht wählen Sie ein Outfit, das Sie in früheren Zeiten am Casual Friday im Büro getragen hätten. Was Sie hingegen nicht tun sollten ist, den ganzen Tag in Pyjama oder Jogginghose vor dem Rechner zu sitzen. Das wird es Ihnen leichter machen zwischen Berufs- und Privatleben unterscheiden zu können. Sie werden eher das Gefühl haben, "zur Arbeit zu gehen", besonders wenn Sie die Tür Ihres Arbeitszimmers schließen.

Integrierer hingegen brauchen vielleicht keinen strengen Zeitplan. Sie können auch im Pyjama sehr produktiv sein. Aber auch sie müssen bei der Arbeit von zu Hause aus einige Grenzen setzen. Zum Beispiel sollten sie feste Zeiten vorsehen, in denen sie ungestört an wichtigen Besprechungen teilnehmen oder in denen sie sich auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren können. Das könnte bedeuten, dass sie ihren Zeitplan so umstellen, dass er mit dem ihrer Familienmitglieder übereinstimmt.

Dimension Raum
Unabhängig davon, ob Sie ein Integrierer oder ein Segmentierer sind, müssen Sie den Raum, in dem Sie arbeiten, sorgfältig auswählen. Bei Ihrer Entscheidung sollten Sie jedoch unterschiedliche Aspekte berücksichtigen. Integrierer können ihr Homeoffice eher an einem zentralen Ort wie der Küche oder dem Esszimmer einrichten, wo sie ihre Familienmitglieder im Blick haben.

Segmentierer hingegen sollten, wie bereits erwähnt, nach Möglichkeit einen eigenen Raum mit einer Tür wählen. Sie sollten auch darauf achten, welche Gegenstände sich in diesem Zimmer befinden. Wenn andere Familienmitglieder regelmäßig in den Raum kommen müssen, weil sie von dort etwas benötigen, sollten sie die fraglichen Dinge in einen anderen Raum verlegen. Das wird ihnen helfen, ungestört zu arbeiten.

Fazit
Es ist an der Zeit, mehr über Ihre eigenen Integrations- und Segmentierungstendenzen herauszufinden. Wenn Führungskräfte und Kollegen verstehen, wie jeder von zu Hause aus am besten arbeitet, können Unternehmen diese unerwartete Krise in eine Chance verwandeln. Und gleichzeitig können wir neue und bessere Arbeitsweisen für die Zukunft entwickeln.

Dieser Newsletterbeitrag basiert auf der Veröffentlichung „Erfolg im Homeoffice ist eine Sache des Typs“ von Nanc P. Rothbard. https://www.manager-magazin.de/harvard/selbstmanagement/homeoffice-die-besten-strategien-fuer-produktives-arbeiten-a-00000000-0002-0001-0000-000172382632

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